Facebook will Krankenakten

Der Sender CNBC hat herausgefunden, dass Facebook versucht an Patientendaten zu gelangen, indem das Unternehmen Krankenhäuser und andere Gesundheitsinstitute dazu auffordert, die Krankenakten und andere Patientendaten herauszugeben.

Diese Daten sollen in anonymisierter Form übermittelt werden. Facebook will mithilfe der Informationen herausfinden, wie man Patienten und deren Krankheiten noch besser und effizienter behandeln kann. Die Erkenntnisse sollen dann wiederum der Medizin zur Verfügung stehen. Das ist mit der richtigen Menge an Informationen durchaus möglich und kann der Menschheit einen großen Gefallen tun. Ich finde ich den Grundgedanken dahinter ziemlich interessant. Krankheiten und Behandlungsmethoden könnten so auf einer ganz anderen Ebene erforscht werden.

Doch wie anonym können diese Daten wohl sein? Wenn ich davon ausgehe, dass die Datensätze sauber verschlüsselt übertragen werden und wirklich nur Metadaten enthalten, ist es am Ende immer noch Facebook, das die Daten erhält. Und Facebook weis so gut wie alles über seine Nutzer und vieles über Menschen, die nicht dort angemeldet sind. Somit können sie die Datensätze mit ihren eigenen Datenbeständen abgleichen und erkennen, wer sich hinter den anonymen Daten befindet. Ein Beispiel:

Ein Krankenhaus sendet folgenden Datensatz: Patient #13045-A, 50 Jahre alt, männlich, 2 Kinder, bekannt wegen Herzleiden, eingeliefert mit Herzinfarkt. 
Facebook sucht in seiner Datenbank nach Nutzern mit folgenden Metadaten: 50 Jahre alt, männlich, 2 Personen auf der Freundesliste, die als Familienmitglied markiert und maximal ca. 35 Jahre oder jünger sind. 
Das Ergebnis werden mehrere Millionen Treffer sein. Diese werden weiter verfeinert. Da Facebook weis
aus welchem Krankenhaus der Datensatz kommt, werden aus dem Ergebnis alle Profile herausgefiltert, deren Nutzer nicht in der Nähe des Krankenhauses wohnen. Nun sind noch ein paar Hundert Profile
übrig. Da Facebook auch die Standorte speichert, von denen man sich einloggt, kann nun danach gefiltert werden, wer sich im relevanten Zeitraum in der Nähe des Krankenhauses eingeloggt hat. Übrig bleiben nun maximal eine Handvoll Profile. Facebook kann nun das Ergebnis verifizieren, indem sie in den Profilen nach Infos suchen, die darauf Hinweisen, dass der Nutzer im Krankenhaus ist oder war. Das können vom Nutzer oder seinen Freunden selbst erstellte Beiträge sein, oder Daten, die das Unternehmen anderswoher bekommen hat. Da sich das Ganze problemlos automatisieren lässt, weis Facebook innerhalb von Sekunden, zu welchem Profil Patient #13045-A gehört.

Facebook kann und wird diese Methode nutzen, da bin ich mir sicher. Immerhin lassen sich somit Rückschlüsse auf eventuelle Vorerkrankungen oder in Zusammenhang stehende Erkrankungen in der Familie eines Patienten ziehen.

Der Patient wird nicht gefragt

Facebook steht schon seit Monaten mit verschiedenen Einrichtungen in Verhandlung und wartet darauf, dass sie den Vertrag zur Datenübermittlung endlich unterschreiben. Dabei redet Facebook nur mit den Entscheidungsträgern der Einrichtungen, nicht jedoch mit den Patienten. Gerade die sollten allerdings zuerst gefragt werden. Unabhängig davon, wie anonym die Daten sind, gehören sie an erster Stelle dem Patienten und nicht dem Krankenhaus. Und solange weder das Krankenhaus noch Facebook den Patienten um Erlaubnis bittet, sehe ich hier eine massive und systematische Verletzung der Privatsphäre!

Ein Aufenthalt im Krankenhaus ist immer mit einer Unterschrift verbunden, die man gibt. In den Dokumenten, die man unterzeichnet, sind oftmals Hinweise auf Datenerhebung und Verarbeitung sowie deren Zweck enthalten. Es ist also nicht so, dass man nicht "informiert" wird. Doch wer macht sich die Mühe auf einzelne Punkte einzugehen, wenn man gerade mit ganz anderen Sorgen im Krankenhaus landet. Und selbst wenn, gäbe es wohl kaum eine Möglichkeit, Facebook auszuklammern. Entweder man unterschreibt oder man hat noch ein Problem mehr. Ist man mit der Datensammlung also nicht einverstanden, ist man ihr trotzdem ausgeliefert, sofern das Krankenhaus nicht die Verantwortung übernimmt und den Patienten in dieser Hinsicht unterstützt. Letzteres erwarte ich jedoch nicht, da Krankenhauspersonal ganz andere Aufgaben wahrzunehmen hat. Verständlich.

Ein Blick in die Zukunft

Ich stelle mir vor, wie diese Daten von Facebook gesammelt, aufgewertet und weiterverkauft werden. Datenbroker rund um den Globus haben über die Jahre eine gigantische Sammlung an Informationen über den Gesundheitszustand aller Bürger. Besonders die Pharmaindustrie könnte damit auf Kosten der Kundschaft ihre Gewinne stark maximieren. Krankenversicherungen könnten Behandlungen von vorn herein ablehnen, weil es sich bei einem Patienten "nicht lohnt" die Kosten zu übernehmen. Kreditinstitute könnten Anträge ablehnen, wenn sie im Vorfeld erkennen können, das der Kreditnehmer vor Ablauf des Vertrages nicht mehr zahlungsfähig ist. Arbeitgeber sortieren Bewerber im Vorfeld aus, weil sie davon ausgehen, das die benötigte Leistung vom Arbeitnehmer nicht geliefert werden kann.

Ebenso stelle ich mir vor, wie viele Krankheiten die Menscheit ausrotten kann. Wie viele schmerzhafte oder leidvolle Behandlungen nun angenehmer und schneller durchgeführt werden können. Oder wie Krankheiten erkannt und behandelt werden, lange bevor sie ausbrechen. Alles dank eines Netzwerks voller Informationen und jahrelanger Erfahrung, geschützt vor Missbrauch und Korruption.

Wie eingangs schon erwähnt, finde ich die Idee durchaus interessant. Solange jedoch ein Unternehmen wie Facebook die Quelle dieser Datenbank wird, sehe ich den negativen Effekt überwiegen.

Aktueller Stand der Dinge

Nach dem letzten Datenschutzskandal, zu dem ich hier auch ein paar Worte verfasst habe, liegt das Thema erst einmal auf Eis. Facebook weis, dass die Nutzer davon ausgehen, dass ihre Daten ungefragt verkauft werden und somit auch erwarten, dass ihre Krankenakten den Weg ins Internet finden werden, und hat die Verhandlungen erst mal gestoppt. Wahrscheinlich aber nur so lange, bis der Medienrummel um den Skandal abgeflaut. Ich behalte das Thema im Auge.

09.04.2018